3.2.2010 - Neues Deutschland / dpa

Bischöfe sehen keinen Handlungsbedarf

»Wir sind Kirche«: Gefährliche Mischung aus strenger Sexualmoral und autoritärem System

Trotz immer weiterer Enthüllungen über das Ausmaß von sexuellem Missbrauch an deutschen Jesuitenschulen verhält sich die katholische Kirche abwartend und sieht derzeit keinen Handlungsbedarf.


Berlin/Bonn (epd/dpa/ND). Ob das Thema bei der nächsten Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz angesprochen werde, könne er nicht sagen, erklärte deren Sprecher Matthias Kopp am Dienstag dem epd in Bonn. Die katholischen Bischöfe kommen in drei Wochen in Freiburg zu ihrer Frühjahrstagung zusammen. Die ökumenische Basisinitiative »Wir sind Kirche« rief unterdessen die katholische Kirche zu einer Neuausrichtung ihrer Sexuallehre auf.

Kopp verwies ausdrücklich auf die 2002 von der Bischofskonferenz erlassenen Regelungen zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs, die unter anderem die Einrichtung von speziellen Beauftragten vorsehen. »Diese Richtlinien sind unmissverständlich und nach wie vor Grundlage unseres Handelns.« Inwieweit sie von den einzelnen Bistümern und Ordensgemeinschaften tatsächlich umgesetzt werden, könne die Bischofskonferenz nicht beurteilen, fügte Kopp hinzu.

Laut Angaben der Deutschen Ordensobernkonferenz hätten alle Männerordensgemeinschaften, deren Mitglieder in der Schul-, Jugend- oder Gemeindearbeit tätig sind, diese Richtlinien übernommen. Wie viele der rund 100 Männerorden in diesem Bereich tätig seien, konnte Sprecher Arnulf Salmen aber nicht beziffern. Erst im vergangenen Jahr habe der Dachverband eine erneute Initiative gestartet, die Richtlinien in allen etwa 400 Ordensgemeinschaften zu verankern. »Aktuell sehe ich keinen Handlungsbedarf«, sagte Salmen gegenüber epd. Allerdings müsse möglicherweise geprüft werden, ob »strukturelle Defizite« bestehen. Hierauf hatte unter anderem der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, verwiesen.

An dem Elitegymnasium waren in den vergangenen Tagen über 20 Missbrauchsfälle aus dem Zeitraum zwischen 1975 und 1983 bekannt geworden. Der Chef der deutschen Jesuitenprovinz, Stefan Dartmann, hatte sich daraufhin am Montag im Namen des Ordens bei den Opfern entschuldigt. Täter waren zwei Jesuitenpatres, die auch für weitere Missbrauchsfälle an Schulen in Hamburg und im Schwarzwald sowie in Einrichtungen in Göttingen, Hildesheim, Chile und Spanien verantwortlich sein sollen. Der Orden war spätestens seit 1991 über einen Teil der Vorgänge informiert.

Die Entschuldigung könne »nur ein erster Schritt« sein, erklärte der Vorsitzende von »Wir sind Kirche«, Christian Weisner, im RBB-Hörfunk. Die Kirche mache es sich zu einfach, wenn sie die jüngsten Vorkommnisse als Einzelfälle und nicht als Folge eines Strukturproblems betrachte. Wenn eine ganz strenge Sexualmoral und »ein autoritäres System« zusammenkommen, ergebe dies eine gefährliche Mischung. Die Initiative »Wir sind Kirche« geht unter anderem auf ein Kirchenvolksbegehren zurück, das 1995 wegen der Vorwürfe von sexuellem Missbrauch durch den späteren Wiener Erzbischof Hermann Groër gestartet wurde.

An einem ehemaligen Jesuiten-Gymnasium in Hamburg wird befürchtet, dass es mehr als die drei bisher bekannten Fälle von Missbrauch gibt. Eines der Opfer habe »entsprechende Hinweise gegeben«, sagte der Schulleiter der Sankt-Ansgar-Schule, Friedrich Stolze. Er kritisierte, dass der geständige Pater 1979 von Berlin nach Hamburg versetzt wurde, ohne dass die Hamburger über einen möglichen Verdacht informiert wurden. In Sankt Blasien (Baden-Württemberg) leitete die Staatsanwaltschaft am traditionsreichen Jesuiten-Kolleg ein Ermittlungsverfahren ein. Der geständige Jesuit war von 1982 bis 1984 in Sankt Blasien tätig. Zwei Opfer haben sich bereits gemeldet. Auch hier rechnet die Schulleitung mit weiteren Fällen. Das Bistum Hildesheim räumte Fehler im Umgang mit einem zweiten beschuldigten Pater ein. Dem Geistlichen sei nach Bekanntwerden der Vorwürfe 1993 die Jugendarbeit verboten worden, dieses Verbot sei aber nicht konsequent durchgehalten worden, teilte das Bistum mit. 1997 sei der Mann nach dem Vorwurf weiterer sexueller Belästigungen versetzt worden. dpa

Zuletzt geändert am 04­.02.2010