9.4.2014 - mittelhessen.de

Reicht Verzeihen alleine aus?

OFFENER BRIEF Hubertus Janssen mahnt Aufarbeitung an / "Wir sind Kirche" will Mitbestimmung

Limburg-Weilburg (ve). Hubertus Janssen hat eine umfassende Aufarbeitung der Geschehnisse rund um Bischof Franz Peter Tebartz-van Elst angemahnt. Der Pfarrer in Rente aus Eschhofen setzt sich für einen offenen Umgang mit gemachten Fehlern ein.

In einem offenen Brief nimmt Hubertus Janssen Stellung zum Brief an die Gläubigen des Bistums Limburg, in dem Weihbischof Manfred Grothe die Katholiken der Region zu einem Neuanfang und zu Versöhnung aufgerufen hat.

Der vom Papst bis zur Einführung eines Nachfolgers für Tebartz-van Elst in Limburg eingesetzte apostolische Administrator hatte an die Gläubigen appelliert, Verzeihung zu üben, zu alter Geschlossenheit zurückzufinden und den Weg zu ebnen dafür, dass der neue Bischof "zu seiner Zeit seinen Dienst unbeschwert aufnehmen kann."

In seinem offenen Brief gratuliert Hubertus Janssen Manfred Grothe zum 75. Geburtstag, wünscht ihm Kraft für seine neue Aufgabe im Bistum Limburg und "dass wir in den kommenden Monaten eine breite öffentliche Diskussion über den Kurs unserer Kirche benötigen."

Janssen führt dann aus: "In den letzten Jahren mit Franz-Peter Tebartz-van Elst als Bischof sind viele Wunden geschlagen worden, manche Ungerechtigkeiten geschehen, hervorragende Mitarbeiter wurden rücksichtslos ,kaltgestellt' beziehungsweise ,geparkt', andere wurden fristlos gekündigt."

Dies habe weitreichende Folgen: "Viele hauptamtliche Mitarbeitende haben innerlich gekündigt oder sind resigniert, die meisten Gläubigen unseres Bistums sind zutiefst enttäuscht, nicht nur vom Bischof, sondern auch von denen, die ihn unterstützt haben und die ihn zu lange gewähren ließen. Tausende Gläubige sind aus der Kirche ausgetreten, seelische Narben werden noch sehr lange zurückbleiben."

Um einen gelungenen Neuanfang zu erreichen, müsse die Kirche auf diese Menschen zugehen: "Es sollte deutlich die Frage nach denen gestellt werden, die verletzt, abgestraft, ungerecht gekündigt oder ,kaltgestellt' wurden. Ich befürchte, dass sie sich derzeit mit ihren spezifischen Erfahrungen kaum zu Wort melden können, ohne in die Rolle der Unversöhnlichen und Querulanten zu geraten."

Hilfe angeboten beim Neuanfang

Der streitbare Kirchenmann aus Eschhofen empfiehlt: "Offene Gespräche mit Seelsorgern und mit pastoral Aktiven die unter der Atmosphäre des Misstrauen und der Angst litten, sollten angeboten und organisiert werden. Not tut Transparenz, Vertrauensbildung und Beteiligung aller Gremien. Nur gemeinsam können wir ein Programm für die Zukunft entwickeln. Eine notwendige Gabe ist die Zivilcourage und der Mut, die Wahrheit zu sagen ohne Angst haben zu müssen vor Disziplinarmaßnahmen."

Auch der vom bisherigen Bischof beförderte Kurs der "Zusammenlegung von Gemeinden unter reduzierter Verantwortung der Laien" solle jetzt nochmals auf den Prüfstand gestellt werden, regt Hubertus Janssen an.

Er erläutert: "Als früherer Gefängnisseelsorger weiß ich um die Notwendigkeit von Vergebung und, wenn es geht, von Versöhnung. Das hat für uns Christen mit der Botschaft Jesu zu tun. Dabei geht es um das "Reich Gottes" und darum, dass Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, auch im Sinne von Transparenz, unabdingbar dazu gehören."

Auf dem Frühjahrstreffen von "Wir sind Kirche" im Bistum Limburg hat die "KirchenVolksBewegung" am Wochenende in Bad Homburg Weihbischof Manfred Grothe zum neuen Amt gratuliert und ihre ausdrücklich Mithilfe beim Neuanfang angeboten. Gleichzeitig forderten die Kirchenreformer "ein transparentes Verfahren" und ein Mitspracherecht der Gläubigen bei der Bestimmung des nächsten Limburger Bischofs.

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Zuletzt geändert am 12­.04.2014