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Veröffentlicht am 27­.10.2005

27. Oktober 2005 - Bayern 2 Radio "Zündfunk"

Habemus Basis?

VON NADINE RÜTTINGER

Seit 1995 setzt sich die Initiative "Wir sind Kirche" für Reformen in der Römisch-Katholischen Kirche ein. Vor zwei Monaten, auf dem Weltjugendtag in Köln, war die Bewegung in den Medien so präsent wie nie.

Doch was hat es ihnen gebracht? SInd sie ihren Zielen nähergekommen? Ihre Ziele: die vollständige Gleichberechtigung der Frau in den Ämtern der Kirche und eine Gleichberechtigung der Laien mit dem Klerus ,sowie eine liberalere Sexualethik . Weitere Forderungen sind die Abschaffung des Zölibats und eine Verbesserung der Ökumene. Ein Gespräch über zehn Jahre Basisbewegung mit Tobias Raschke, Sprecher der "Wir-sind-Kirche"-Jugend.

ZÜNDFUNK: Was hat "Wir sind Kirche" in den zehn Jahren Kirchenkritik nun erreicht.

Tobias Raschke: Als 1995 in Österreich dieser Skandal um den sexuellen Missbrauch durch Kardinal Groër in die Medien kam, hat sich ja "Wir sind Kirche" dort gegründet, um zu sagen. "Hallo, hier läuft etwas komplett falsch, wir müssen hier die Richtung in der Kirche ändern, es geht nicht, dass die Bischöfe allein entscheiden". Und damit hat "Wir sind Kirche" einfach etwas selbstverständlich gemacht, was vom 2. Vatikanischen Konzil um Papst Johannes XXIII. ja gefordert wird, nämlich dass das Kirchenvolk selbst für sich spricht, dass die Laien ihre Stimme erheben, wenn es eben Missstände gibt in der Kirche. Und es ist heute selbstverständlich, dass "Wir sind Kirche" bei Katholikentagungen überall dabei ist und gefragt wird. Die Themen, die wir vertreten, die ja ganz klar theologisch fundiert sind, werden von einer breiten Basis getragen, also auch vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken vom Bund der deutschen katholischen Jugend. Also alle seriösen katholischen Organisationen und Verbände unterstützen diese Forderungen. Nur sind die eben abhängig von den Kirchensteuern und damit von den Bischöfen und deswegen können die sich nicht so dezidiert und explizit wie "Wir sind Kirche" äußern.

ZÜNDFUNK: Also ist es mit "Wir sind Kirche" nicht ein bisschen so, wie mit George W. Bush und Michael Moore. Es ist ganz okay, der darf seine kritische Stimme haben, aber wirklich verändert wird nichts.

Tobias Raschke: Na gut, da könnte man auch fragen, was haben die 68er in Deutschland verändert. Es geht hier darum ein Klima zu schaffen, also die Bereitschaft zur Veränderung herzustellen, und immer mehr Menschen sind dafür bereit zu sehen, dass sich die Kirche ändern muss. Wenn meine Großtante, die in Brannenburg hinter Rosenheim wohnt, zum Thema Aids sagt: "Ja, da habt ihr schon Recht, dass ihr diese Kampagne beim Katholischen Weltjugendtag gemacht habt." Dann zeigt es doch also auch, dass bei Menschen, von denen man glaubt: "Na ja, die sind damit aktuell nicht so befasst oder die glauben eher, was ihnen der Pfarrer im Dorf sagt", dass die da auch ganz anders mittlerweile darüber denken. Und ich glaub, das ist auch ein großes Verdienst von "Wir sind Kirche".

ZÜNDFUNK: Religionssoziologen werfen euch immer wieder vor, dass ihr keinen Nachwuchs habt, also dass "Wir sind Kirche" auch aus ergrauten Männern besteht. Ist das so?

Tobias Raschke: Ich glaub, das Alter spielt in der Kirchenvolksbewegung nicht die entscheidende Rolle. Es sollten sich eher die Amtskirchenvertreter und die Bischöfe fragen, was ist denn falsch, wenn sich nur ältere Semester für die Reform der Kirche engagieren und junge Leute sich überhaupt nicht mehr für die Kirche interessieren.

ZÜNDFUNK: Aber es ist ja nicht nur ein Problem des Gegners, sondern auch ein Problem der Reformbewegung, Leute für sich zu gewinnen, die sagen: "Hey, wir gestalten Kirche anders, kommt doch mal bei uns vorbei."

Tobias Raschke: Also diese Diskussion wird ja geführt. Natürlich muss sich auch "Wir sind Kirche" drum bemühen, wie junge Menschen oder, zumindest mittelalterliche eingebunden werden können. Man kann natürlich auch nicht jedes Jahr so ein Kirchenvolksbegehren wie damals vor zehn Jahren machen, wo dann wirklich in jeder Gemeinde Aktive waren. Aber davon haben eben viele gesagt, sie widmen sich lieber konkreteren Projekten, und das finde ich auch ganz richtig. Also wenn sich die Leute zum Beispiel in der Aids-Hilfe oder bei "attack" engagieren, da erwartet man eher was. Ich habe früher ja auch noch anderes gemacht. Die ersten Gespräche die ich mit dem Zündfunk, geführt habe, die habe ich als Aktivist bei der Aktionsjugend im Landesbund für Vogelschutz geführt. Und ich glaube auch heute noch, dass das ein wichtigerer Beitrag war für mein Leben als Christ ist, als in die Ministrantenstunde zu gehen.

ZÜNDFUNK: "Wir sind Kirche" bemüht sich ja auch schon seit der Papstwahl um eine Audienz beim Papst. Wenn jetzt morgen ein Anruf aus dem Vatikan käme und die würden sagen: "Herr Raschke, Sie können morgen vorbeikommen, der Papst hat Zeit für Sie, aber Sie dürfen nur über ein Thema reden." Was wäre das drängendste Thema für Dich?

Tobias Raschke: Also erst mal würde ich mit dem Papst nur sprechen, wenn es keine Bedingungen gibt, worüber wir nicht sprechen. Das andere ist, das wichtigste Thema für die Menschheit heute ist das Thema HIV-Aids. Jeden Tag infizieren sich 14.000 Menschen mit HIV-Aids. Und da bin ich natürlich sehr enttäuscht, weil den Herren in Rom, die stehen eben so weit weg von der Welt, dass es ihnen wohl egal zu sein scheint.

Zuletzt geändert am 03­.07.2006

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