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Veröffentlicht am 24­.03.2021

Kardinal Woelki und Missbrauchsstudie Köln

Woelki und die Hybris im Amt

Woelkis Begründung für seinen Nichtrücktritt ist atemberaubend und zeugt von einer Hybris, die im Gewand der Demut daherkommt – nichtsdestotrotz Hybris – Hochmut ist.

Er sagt, ein Rücktritt wegen seiner moralischen Verfehlungen sei ihm zu einfach und auch falsch. Nun, Herr Kardinal, wenn es so einfach wäre, warum tun sie dann nicht das Einfache, das, was anstünde? Wer das gehofft hatte, sieht sich mit seiner heutigen Erklärung der letzten Hoffnung einer späten Einsicht beraubt, dass es besser für alle Beteiligten wäre, wenn er seinen Stuhl räumen würde:

Nein, im Gegenteil, Woelki klebt an seinem Stuhl wie Fliegendreck an klarer Fensterscheibe. Was an einem Rücktritt falsch wäre, hat Woelki nicht erklären können. Er will, wie er sagt, Teil der Aufklärung sein. Das, was er schon in seinen verschiedenen Funktionen - weder als Geheimsekretär noch als Weihbischof noch später als Bischof in Berlin oder Köln geleistet hat -, das will er nun (nachdem er gebeichtet hat) tun? Wie glaubwürdig ist das denn?

Entlarvend auch, wie er über seinen eigenen Rücktritt spricht: Das sei nur ein symbolischer Akt mit wenig Nachhaltigkeit. So also denkt Woelki über Symbole und sein Amt. So wenig ernst nimmt er die Macht der Symbole – wenn sie aus dem Inneren kommen – so wenig ernst nimmt er sein Amt und die Tragweite, die Erschütterung, die verwandelnde Kraft, die ein Rücktritt in Ehrlichkeit, ein tiefes Schuldeingeständnis auslösen könnte.

Woelki spricht in seiner Erklärung davon, dass es ihm um ein Gespräch auf „gleicher Augenhöhe“ mit den Opfern gehe. „Aber Herr Kardinal“ möchte man ihm entgegnen, „steigen Sie endlich von Ihrem hohen Ross herunter: Kann es zwischen Tätern (Verheimlichern) und Opfern ernsthaft nur „um gleiche Augenhöhe“ gehen?“

Wieviel Hybris steckt in seiner Behauptung und Selbstdarstellung, als ob es ihm um Gründlichkeit und rechtliche Sauberkeit gegangen sei. Dabei braucht man doch nur auf das eigene, notgedrungene Schuldeingeständnis schauen, wo er nun (entlarvend stockend und verworren) zugibt, dass er nicht bzw. falsch gehandelt habe.

Es gilt und gibt doch zu bedenken, dass er Aufklärung über ein Jahr verzögert hat. Nun, nachdem die zweite Studie veröffentlicht ist, nun kann man also auch die erste Studie einsehen.  Die angebliche Begründung rechtlicher Unsauberkeit für ein Jahr Hinhaltetaktik zerfällt zu dem, was sie von Anfang an war: Ein Vorwand, um die Täter zu schützen – ihnen noch ein Jahr mehr im Amt zu geben und für sich eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen. Es ist nur dem Druck der Öffentlichkeit zu verdanken, dass die Absicht Woelkis, nämlich ein günstigeres Gutachten zu bekommen, nicht gelang.  Nein, Woelki war kein Aufklärer, weder in seinen vorherigen Posten noch heute. Dazu fehlt ihm die Persönlichkeit. Er ist ein angepasster Mitläufer – immer gewesen – hat sich vom Mitläufer, vom Konformisten zum heimtückischen Heckenschützen (er spielt gegen die Deutsche Kirche über das Band Kurie/Vatikan und nutzt letztere um Papst und wahres Kirche-Sein zu hintertreiben) und Saboteur kirchlicher Erneuerung entwickelt.

Er ist aber nie und nimmer jemand, der jemals ein Risiko eingehen würde. Er kann nur deshalb groß auftrumpfen, weil er im Vatikan noch viele Freunde aus alten Seilschaften besitzt. Er spielt den Machtmenschen weiter – spricht von Kommunikation – das Wort Glaubwürdigkeit und Vertrauen fällt nicht. Denn über diese Ressource verfügt er nicht, weder bei seinen Mitarbeitern, die er bisher im Amt gehalten hat und nun opfert, nur um seinen eigenen Kopf zu retten, noch bei denen auf die es ankommt, die Opfer des Missbrauchs und die Christen seiner Diözese.

Woelki mag im Amt bleiben, im Amt gehalten werden. Er stellt damit weiterhin eine Belastung des Amtes dar – wird dafür sorgen, dass der letzte Rest moralischer Glaubwürdigkeit mit jedem Tag, in dem er noch länger im Amt ist, weiter und völlig verloren geht.

Geradezu unverschämt ist seine Argumentation, die denen, die ihm die Schädigung der Kirche vorwerfen, nun unterstellt, dass diese aus den gleichen Motiven und niedrigen Beweggründen der Beschöniger und Vertuscher handeln würden. Das eine ist kirchlicher Triumphalismus, das andere ist ehrliche Besorgtheit über die Botschaft, um die es geht. Es macht perplex, mit welcher Eitelkeit und Pose sich ein weitgehend entlarvter Kardinal nun in der Pose des Aufklärers und des Rechtsgelehrten geriert und gefällt. Da fehlt nur noch der Satz: „Ich liebe euch doch alle.“

Für Woelki gilt der Satz von Lord Acton, den dieser vor 150 Jahren von Kardinälen ähnlicher Statur sagte, in geradezu prophetischer Weise: Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.

 

Bonn, 23.3.2021

Stefan Herbst, Dipl. Theol.

Ansprechpartner „Wir sind Kirche“ in der Erzdiözese Köln

Ehemaliger Menschenrechtsreferent der Missionszentrale der Franziskaner und selbständiger Mitarbeiter Franciscans International (Genf)

Mitbegründer des Nürnberger Menschenrechtszentrums

Ehemaliger Sprecher der Koalition gegen Straflosigkeit in Argentinien

Ehemaliger Priesteramtskandidat der Diözese Würzburg

Derzeit: Gerichtlich bestellter Rechtlicher Betreuer

Zuletzt geändert am 24­.03.2021