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Veröffentlicht am 27­.01.2011

1 Jahr Canisius-Kolleg

Wir sind Kirche: „Das Aussitzen der Krise wird nicht funktionieren!“

Pressemitteilung München, 27. Januar 2011

Kritische Bilanz ein Jahr nach dem Schritt des Berliner Canisius-Kollegs an die Öffentlichkeit

> Dokumentationen > Chronologie

„Von der ‚lückenlosen und absolut transparenten Aufklärung’, vom versprochenen ‚Neuanfang’ und insbesondere von der ankündigten ‚Dialoginititiave’ ist zu wenig zu spüren.“ Dieses ernüchternde Fazit zieht die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche ein Jahr nach dem 28. Januar 2010. An diesem Tag hatten die Jesuiten des Berliner Canisius-Kolleg den entscheidenden Anstoß gegeben, dass das jahrzehntelang vertuschte Ausmaß körperlicher und sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche auch in Deutschland offenbar wurde.

Die Skandale in den USA, in Irland, Belgien, Deutschland und in vielen anderen Ländern zeigen, dass sich die römisch-katholische Kirche weltweit in der wohl größten Krise seit der Reformation befindet. Dabei geht es nicht darum, die römisch-katholische Kirche an den Pranger zu stellen. Aber diese Krise wird nicht gelöst werden können, solange nicht die Zusammenhänge von Macht, Sexualität und Missbrauch aufgedeckt werden, die zur sexualisierten Gewalt und ihrer oft jahrzehntelangen systematischen Vertuschung führten. Das führt auch zu Fragen der kirchlichen Struktur und des Zölibats.

Die Zölibatsverpflichtung – die mittlerweile auch von immer mehr Bischöfen und Kardinälen in Frage gestellt wird und allein schon aus pastoralen Gründen dringend diskutiert werden muss – kann zwar nicht monokausal und zwangsläufig für die Missbräuche verantwortlich gemacht werden. Der erzwungene Zölibat und die Beschränkung des Priesteramtes auf Männer sind jedoch Ausdruck der Sexual- und Frauenfeindlichkeit einer männerbündischen Kirche, die sexualisierte Gewalt fördert und ihre Vertuschung ermöglicht.

Das, was die Bischöfe und Ordensgemeinschaften in den letzten zwölf Monaten zur Aufklärung und Aufarbeitung geleistet haben, reicht noch lange nicht aus. Die Kirchenleitungen sollten über die sehr hohen Austrittszahlen gerade im vergangenen Jahr mehr als alarmiert sein, denn es sind jetzt nicht nur die Randständigen, sondern die Aktiven, die sagen, dass sie dieses Kirchensystem nicht mehr finanziell unterstützen möchten. So lange die Bischöfe keine glaubwürdigen Antworten auf den Missbrauchsskandal und seine Ursachen liefern, bleibt die Kirche gelähmt und kann ihrer eigentlichen Aufgabe, der Verkündigung des Evangeliums, nicht gerecht werden.

Die vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Robert Zollitsch im September 2010 angekündigte „Dialoginitiative“ hat große Erwartungen geweckt. Umso enttäuschender ist es, dass dieser Ankündigung bisher fast keinerlei konkrete und sichtbare Schritte gefolgt sind (siehe Wir sind Kirche-Dokumentation der bisherigen Aussagen deutscher Bischöfe zur Dialoginitiative).

Dass sich die Bischöfe auf den für Ende November 2010 angekündigten gemeinsamen „Brief an die Gemeinden“ nicht haben einigen können, lässt befürchten, dass immer noch nicht alle Bischöfe den Ernst der Lage erkannt haben und zum Handeln bereit sind. Damit schaden sie unendlich dem Ansehen der Kirche. Denn solange nicht alle Bischöfe zu einem Dialog ohne Denkverbote über die Zukunft der Kirche bereit sind, wird die Glaubwürdigkeit der Kirche weiter sinken.

Der kommende Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland (22.-25. September 2011) darf kein Grund sein, den schon lange überfälligen Dialog über die immer akuter werdenden pastoralen Probleme erneut auf die lange Bank zu schieben. Dieser Besuch sollte vielmehr genutzt werden, die nicht nur in Deutschland sondern in aller Welt immer drängender werdenden pastoralen Probleme gemeinsam mit dem Papst zu erörtern. Immerhin ist die katholische Kirche Deutschlands theologisch wie auch finanziell eine der weltweit am besten aufgestellten Kirchen, die in erheblichem Maße den Vatikan und u.a. die Priesterausbildung in Lateinamerika und Afrika finanziert.

Wir sind Kirche-Notruf für Opfer sexualisierter Gewalt in der Kirche
Der bereits 2002 eingerichtete Wir sind Kirche-Notruf ist seit dem 28. Januar 2010 wieder besonders gefragt und hat seitdem 150 Betroffene beraten und betreut.
(Das Not-Telefon der KirchenVolksBewegung hat vom Sommer 2002 bis Ende 2011 mehr als 400 Menschen beraten und begleitet. > aktuelle Beratungsangebote )



Pressekontakt:
Sigrid Grabmeier, Tel. 0991- 297 95 85 oder mobil 0170-862 62 90
Magnus Lux, Tel. 09721-5 88 75 oder mobil 0176-41 26 63 92
Christian Weisner, Tel. 08131-26 02 50 oder mobil 0172-518 40 82
E-Mail: presse@wir-sind-kirche.de
Homepage: www.wir-sind-kirche.de


Dokumentationen

Überblick über die Missbrauchsfälle in Diözesen und Orden - soweit sie von der Kirche oder der Presse öffentlich gemacht wurden (Stand 15.1.2012)
> Überblick
(Korrekturen und Ergänzungen werden gerne entgegengenommen.)

Dokumentation der bisherigen Aussagen deutscher Bischöfe zur Dialoginitiative (PDF) Stand: 22.1.2011
www.wir-sind-kirche.de/files/1396_dialog-dioezesen-uebersicht.pdf
(Korrekturen und Ergänzungen werden gerne entgegengenommen.)

Buchtipp: „Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation“
von Wir sind Kirche mitherausgegebene deutsche Übersetzung des Buches des australischen Bischofs Geoffrey Robinson (ISBN: 978-3-88095-196-9)



Chronologie einiger der wichtigsten Ereignisse seit dem 28. Januar 2010:

28. Januar 2010: Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes SJ, und der damalige Provinzial der deutschen Provinz des Jesuitenordens, Stefan Dartmann SJ, wenden sich zum ersten Mal an die Öffentlichkeit und fragen dabei auch nach den zugrunde liegenden Strukturen des Entstehens sexualisierter Gewalt und ihrer Vertuschung.

16. Februar 2010: Der Augsburger Bischof Walter Mixa führt den Missbrauch auch auf die zunehmende Sexualisierung des öffentlichen Lebens seit 1968 zurück.

22.-25. Februar 2010: Während der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Freiburg werden in drei Bistümern neue Missbrauchsfälle bekannt. Daraufhin beschließt die Bischofskonferenz einen Vier-Punkte-Plan und ernennt den Trierer Bischof Dr. Stefan Ackermann als Missbrauchsbeauftragten. Außerdem soll eine interne Steuerungsgruppe, besetzt mit dem Münchner Erzbischof (jetzt Kardinal) Dr. Marx und den Bischöfen Dr. Bode (Osnabrück) und Dr. Overbeck (Essen) „konkrete Lösungsansätze für die vielfältigen Probleme der Kirche erarbeiten und einen Erneuerungsprozess einleiten“; dies auch im Hinblick auf das 2012 bis 2015 zu begehende 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils.

11. März 2010: Im L’Osservatore Romano macht die Professorin Lucetta Scaraffia den Ausschluss der Frauen aus Leitungsämtern mitverantwortlich für die sexuelle Gewalt und die männliche Verschwiegenheit in der katholischen Kirche.

12. März 2010: Erzbischof Zollitsch unterrichtet den Papst über den Missbrauchsskandal in Deutschland. Viele Menschen vermissen aber ein direktes Wort des Papstes dazu.

21. März 2010: Papst Benedikt XVI. schreibt einen Hirtenbrief an die katholische Kirche Irlands, in dem er allerdings nicht kirchliche Strukturen, sondern gesellschaftliche Tendenzen wie den „schnelllebigen sozialen Wandel“ für „das verstörende Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ verantwortlich macht. Der Papst sieht sogar ein „falsches Lesen“ des II. Vatikanischen Konzils und dessen „Programms der Erneuerung“ als Mitverursacher. Am Ende wird das sehr traditionelle Priesterbild des Pfarrers von Ars betont.

30. März 2010: Start der Telefon-Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs (www.hilfe-missbrauch.de )die nach derzeitigem Stand bis September 2011 befristet ist.

2. April 2010: Am Karfreitag geben viele Bischöfe schwere Fehler im Umgang mit den Opfern sexualisierter Gewalt zu.

4. April 2010: Vor der Ostermesse auf dem Peterplatz in Rom tut der Dekan des Kardinalskollegiums, Kardinal Sodano, die weltweiten Presseberichte zum Missbrauch als „unbedeutendes Geschwätz“ ab.

11. April 2010: Die problematischen Äußerungen des Essener Bischofs Dr. Overbeck zum Thema Homosexualität in der Sendung „Anne Will“ sind Anlass für den Theologen David Berger, sein Amt als Herausgeber und Schriftleiter der Zeitschrift „Theologisches“ niederzulegen und das innerkirchliche Unterdrückungssystem Homosexueller offenzulegen.

8. Mai 2010: Papst Benedikt nimmt den Rücktritt des Augsburger Bischofs Dr. Walter Mixa an, dessen Leugnen der gegen ihn erhobenen Misshandlungs- und Veruntreuungsvorwürfe monatelang die deutsche Kirche in Atem hielt.

27. Mai 2010: Die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, Ursula Raue, legt ihren Abschlussbericht vor. Danach hat der Orden sexuelle und körperliche Gewalt gegen Kinder über Jahrzehnte systematisch vertuscht und die Täter gedeckt.

11. Juni 2010: Zum Ende des „Priesterjahres“ spricht Papst Benedikt gegenüber den Betroffenen eine Vergebungsbitte aus, nennt aber den „bösen Feind“ als eigentlichen Urheber der Missbrauchsfälle.

10. Juli 2010: Die Deutsche Bischofskonferenz erhält von der Journalistenvereinigung „netzwerk recherche“ den Negativpreis „Verschlossene Auster“ für den „Informationsblockierer des Jahres“.

10. Juli 2010: McKinsey-Direktor Thomas von Mitschke-Collande erwartet 250.000 bis 375.000 Austritte aus der röm.-kath. Kirche in diesem Jahr und appelliert an die Bischöfe, eine neue Synode einzuberufen.

15. Juli 2010: Der Vatikan verschärft die kirchlichen Strafnormen zur Ahndung sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. So beträgt die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch nun 20 Jahre.

21. Juli 2010: Das am 2. Juni 2010 eröffnete Ermittlungsverfahren gegen den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch wird eingestellt.

31. August 2010: Bischof Dr. Ackermann legt überarbeitete Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch vor. Als kritisch erweist sich jedoch, dass den Diözesanbischöfen jetzt wieder mehr Ermessensspielraum eingeräumt wird.

22.-25. September 2010: Bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda hält Erzbischof Dr. Robert Zollitsch ein bemerkenswertes Eröffnungsreferat „Zukunft der Kirche - Kirche für die Zukunft. Plädoyer für eine pilgernde, hörende und dienende Kirche.“ und kündigt eine Dialoginitiative, die auch die viel tiefer greifende Kirchenkrise in den Blick nehmen soll.

30. September 2010: Der Runde Tisch „Sexueller Missbrauch“ tagt in Berlin, nennt aber noch nicht einmal mögliche Größenordnungen für finanzielle Entschädigungen.

15. Oktober 2010: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken beschließt das Leitwort „Einen neuen Aufbruch wagen“ für den Katholikentag 2012 in Mannheim, der zusammen mit der Erzdiözese Freiburg vorbereitet wird.

4./5. November 2010: Gemeinsame Arbeitstagung der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, an der jedoch viele der eher konservativen Bischöfe gar nicht teilgenommen haben.

26. November 2010: Bischöfe verschieben „Brief an Gemeinden“ und warnen vor vorschnellen Erwartungen an den Dialogprozess in der Kirche. "Wir werden in den nächsten Monaten an der inhaltlichen Ausgestaltung arbeiten."

28. November 2010: Als erster katholischer Bischof in Deutschland reagiert Franz-Josef Bode aus Osnabrück mit einem Schuldbekenntnis in einem Bußgottesdienst auf die Missbrauchsfälle.

3. Dezember 2010: Das von der Erzdiözese München und Freising in Auftrag gegebene Missbrauchsgutachten deckt in schockierender Weise das innerkirchliche System der Vertuschung auf.

20. Dezember 2010: Papst Benedikt ruft in seiner Weihnachtsansprache an die Kurie die katholische Kirche zum Nachdenken über sich selbst auf. Die Kirche müsse überlegen, „was falsch war an unserer Botschaft.“

20. Januar 2011: Der Konflikt um das Kloster Ettal flammt erneut auf, als die Staatsanwaltschaft gegen einen der Mönche des Klosters Anklage wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern erhebt.

24. Januar 2011: Beim Ständigen Rat der Bischofskonferenz in Würzburg tagen die Bischöfe wie üblich hinter verschlossenen Türen und lassen immer noch nichts über die angekündigte Dialoginitiative verlauten.

26. Januar 2011: Die Jesuiten bieten den ungefähr 200 Opfern von sexueller Gewalt durch Patres an den Schulen des Ordens jeweils 5.000 Euro Entschädigung an.

Zuletzt geändert am 08­.12.2012

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