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Veröffentlicht am 09­.01.2013

DBK kündigt Forschungsvorhaben

„Verheerendes Signal für die Glaubwürdigkeit der Kirchenleitung“

Pressemitteilung München, 9. Januar 2013

Wir sind Kirche zur Aufkündigung des Forschungsvorhabens mit Prof. Pfeiffer durch die Bischofskonferenz

Als verheerendes Signal für die Glaubwürdigkeit der Kirchenleitung sieht die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche die heute bekanntgegebene Kündigung des seit eineinhalb Jahren vereinbarten Forschungsvorhabens mit Prof. Christian Pfeiffer und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.

Die verschiedenen Einzelmaßnahmen der vergangenen drei Jahre – vor allem seit der Aufdeckung durch den Jesuiten Klaus Mertes am Berliner Canisius-Kolleg im Januar 2010 – können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutschen Bischöfe bisher wohl immer noch nicht zu einer unabhängigen Aufarbeitung und Ursachenforschung sexualisierter Gewalt bereit sind, die durch das System der römisch-katholischen Kirche (Autoritäts- und Gehorsamsstrukturen, Sexuallehre, Lebensform der Priester etc.) bedingt sind. Die jetzige Handlungsweise der Bischöfe lässt eine neue Austrittswelle befürchten, so wie im Jahr 2010, als 181.000 ihren Austritt aus der Kirchensteuergemeinschaft erklärt hatten.

Was immer im Einzelnen die Gründe für die Auseinandersetzung zwischen DBK und KFN gewesen sind: Wir sind Kirche warnt die Bischöfe davor, die Angelegenheit zu einer „Causa Pfeiffer“ zu machen. Eher scheinen die Bischöfe nicht willens zu sein, eine wirklich unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung zuzulassen. Der Eklat um den Ausstieg aus dem Forschungsvorhaben zum jetzigen Zeitpunkt wird möglicherweise nur in Kauf genommen, weil er für das kleinere Übel gehalten wird gegenüber der durch die Untersuchung befürchteten aufgedeckten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Wir sind Kirche fordert jeden einzelnen der 27 deutschen Bischöfe auf, eidesstattlich zu erklären, dass in seinem Bistum keine untersuchungsrelevanten Einträge in Personalakten in der Vergangenheit gelöscht wurden und dies auch in Zukunft nicht geschehen wird. Bei der Vorbereitung des Forschungsvorhabens hatte sich herausgestellt, dass dies kirchenrechtlich wohl nach zehn Jahren möglich ist.

Der Münchner Kardinal Dr. Reinhard Marx, der sich im Jahr 2010 als besonders forscher Aufklärer hervortat (Stichwort: Ettal, Untersuchung durch Rechtsanwältin Dr. Marion Westpfahl, eigene Präventionsstudien) muss sich jetzt fragen lassen, warum gerade von seinem Bistum aus das Ende der Pfeiffer-Untersuchung betrieben worden ist. Aber auch die Bistümer Regensburg und Dresden haben schon frühzeitig den Ausstieg betrieben, wie im Sommer 2012 bekannt wurde.

Das von der Erzdiözese München-Freising Ende 2010 vorgestellte Gutachten der Rechtsanwältin Dr. Westpfahl hatte bereits in schockierender Weise aufgedeckt, wie – wohl nicht nur in diesem Bistum – von 1945 bis 2009 die Ordinariate gehandelt bzw. nicht gehandelt haben: Vertuschung mittels Verharmlosung, Einschüchterung und Nichtbeachtung der Opfer, Druck auf deren Eltern, gezielte Aktenvernichtung bis hin zur Erpressung homosexueller höherer Geistlicher. Aber auch dieses Gutachten war, anders als behauptet, keine wirklich externe Untersuchung und diente vor allem dazu, die Unschuld Joseph Ratzingers, der von 1977-1981 Münchner Erzbischof war, in dem für die Diözese München-Freising speziellen Fall H. nachzuweisen.
Kernaussaugen des Gutachtens: www.erzbistum-muenchen.de/media/media14418720.PDF

Leider mehren sich die Zeichen, dass die im Jahr 2010 auf dem Höhepunkt der Aufdeckung jahrzehntelanger Vertuschung sexualisierter Gewalt eingeleiteten Maßnahmen schon wieder zurückgefahren werden. Der damals auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise im September 2010 von den Bischöfen versprochene „Dialogprozess“ ist von ihnen sehr schnell zu einem unverbindlichen, langjährigen „Gesprächsprozess“ herabgestuft worden. Die von der Bischofskonferenz im Jahr 2010 eingerichtete bundesweite Telefon-Hotline „Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs“ wurde zum Jahresende 2012 eingestellt mit dem Argument, dass es jetzt Beauftragte in den einzelnen Diözesen und bei den Ordensgemeinschaften gibt. Doch ist es nicht hinnehmbar, dass in einzelnen Diözesen immer noch Mitglieder der Bistumsleitung als Ansprechpersonen für Betroffene angegeben werden.

Wenn manche, vor allem wohl konservative Priestergruppen, durch die Untersuchungsweise einen Pauschalverdacht gegenüber allen Priestern befürchten, so ist es genau umgekehrt: Solange die Ursachen und Formen der Vertuschung von Straftaten sexualisierter Gewalt nicht wirklich aufgeklärt werden, wird der Pauschalverdacht bestehen bleiben.

Auch Wir sind Kirche wendet sich gegen einen Pauschalverdacht gegen alle Priester und sieht keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und sexualisierter Gewalt. Doch der Pflicht-Zölibat und die Beschränkung des Priesteramtes auf Männer sind Ausdruck der Sexual- und Frauenfeindlichkeit einer männerbündischen Kirche, die sexualisierte Gewalt fördert und ihre Vertuschung ermöglicht. Deshalb müssen endlich die strukturellen Ursachen sexualisierter Gewalt in der römisch-katholischen Kirche in den Blick genommen werden:
– die strikte, mit vielen Tabus (z.B. Homosexualität) belegte katholische Sexualmoral,
– das überhöhte männliche Priesterbild sowie
– die eine Verheimlichung begünstigenden autoritären hierarchischen Strukturen.

Pressekontakte:
Sigrid Grabmeier, Tel: 0170 8626 290, E-Mail: grabmeier@wir-sind-kirche.de
Magnus Lux, Tel: 0176-41266392, E-Mail: Famlux@t-online.de
Christian Weisner, Tel: 0172-518 40 82, E-Mail: presse@wir-sind-kirche.de


H i n t e r g r u n d :
Irland:
Öffentliche Untersuchung zum sexuellen Missbrauch in der Erzdiözese Dublin
> Murphy-Bericht
Öffentlichen Untersuchung zum Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Irland > > Ryan-Bericht

Belgien:
Haus und Büro von missbrauchsverdächtigem Kardinal durchsucht
> Focus 24.6.2010

Codex Iuris Canonici (1983)
Can. 489 § 2 . Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.


Mehr Informationen zu diesem Thema: www.wir-sind-kirche.de/?id=243

Wir sind Kirche-Stellungnahme zu der am 7.12.2012 vorgestellten Studie „Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland“ von Prof. Dr. Norbert Leygraf
> www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=128&id_entry=4369

Überblick über die Missbrauchsfälle in Diözesen und Orden soweit sie öffentlich gemacht wurden:
> www.wir-sind-kirche.de/files/1618_12.2.10.1.Bilanzen der Bistuemer-H.htm

„Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation“ von Wir sind Kirche mitheraus¬gegebene deutsche Übersetzung des Buches des australischen Bischofs Geoffrey Robinson (ISBN: 978-3-88095-196-9, 318, S., 18,90 €)

Zuletzt geändert am 10­.01.2013

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