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Veröffentlicht am 11­.10.2018

Heiligsprechung Romero und Paul VI.

„Zwei sehr unterschiedliche Streiter für Gerechtigkeit“

Wir sind Kirche zur Heiligsprechung von Erzbischof Romero und Papst Paul VI. am 14. Oktober 2018

Am 14. Oktober 2018 werden während der Jugend-Bischofssynode zwei sehr unterschiedliche Personen feierlich zum Vorbild der gesamten Weltkirche erklärt: Der am 24. März 1980 am Altar ermordete salvadorianische Erzbischof Oscar Arnulfo Romero, der von Feinden auch in der eigenen Kirche verfolgt wurde, sowie Giovanni Montini, der als Papst Paul VI. (1963-1978) das Zweite Vatikanische Konzil fortführte und vollendete, aber auch kurz danach 1968 die bis heute äußerst umstrittene Enzyklika „Humanae vitae“ veröffentlichte. Zumindest in ihren gesellschaftspolitischen Positionen sind beide augenscheinlich auch ein Vorbild für die Agenda von Papst Franziskus.

Bischof Oscar Romero: Heiliggesprochen durch die Armen

Erzbischof Oscar Romero (1917-1980) gilt für die Armen in der Kirche und besonders in El Salvador schon lange als heilig. Am 24. März 1980 wurde er während eines Gottesdienstes von einem bezahlten Killerkommando ermordet, nachdem er sich öffentlich gegen die Christenverfolgungen des Regimes gestellt hatte. Die erst unter Papst Franziskus erfolgte Anerkennung als Märtyrer ermöglichte 35 Jahre später die Seligsprechung im Mai 2015 und jetzt die Heiligsprechung. Seine Seligsprechung war immer wieder mit fadenscheinigen Argumenten verzögert worden. Papst Benedikt und andere warnten vor einer „Instrumentalisierung“ Romeros im Sinne der Befreiungstheologie. Mit seiner Wertschätzung für Romero hat der derzeitige Papst wichtige Klärungen für ein neues Verständnis von Heiligkeit ermöglicht und eröffnet auch den Weg zur Anerkennung weiterer lateinamerikanischer Märtyrer.  

Wir sind Kirche begrüßt, dass Oscar Romero jetzt endlich zum Vorbild der gesamten Weltkirche erklärt wird. Romero war zunächst durchaus ein autoritärer Geistlicher und lehnte den Aufbruch einer Kirche der Armen ab. Später aber, erschüttert durch die Ermordung eines Priesters aus seinem Bistum (Rutilio Grande SJ +12.3.1977), wandelte er sich grundlegend. Als „Stimme der Unterdrückten“ war sich Romero bewusst, dass erst der Rückhalt der einfachen Leute und Basisgemeinden ihn stark machte. Die Botschaften seiner berühmten Predigten wurden dialogisch entwickelt – in einem Team von Laien und Priestern. Romero wörtlich: „Wir können nicht mehr autoritär reden.“ So bietet dieser Märtyrer auch Orientierung bei der so dringend nötigen Überwindung des überall verbreiteten Klerikalismus.

Dadurch, dass ihm keine Unterstützung für seinen Weg gewährt wurde, ist Rom letztlich auch mitverantwortlich für seinen Märtyrertod und den vieler anderer engagierter Frauen und Männer. Allein bei Romeros Begräbnis starben 40 Menschen durch Scharfschützen. Der jahrelange Bürgerkrieg kostete 75.000 Menschen in El Salvador das Leben. Erst 1992 unterzeichneten die Konfliktparteien ein Friedensabkommen.

Im Jahr 2000 setzte Papst Johannes Paul II. Romero auf die Liste der Blutzeugen, die bei der Jahrtausendfeier im römischen Kolosseum namentlich erwähnt wurden. Sein Todestag wurde zum Gebetstag für Missionare erklärt, die als Märtyrer starben, und wird seitdem am 24. März begangen. Die Kirche von England hat ihn in dem steinernen Relief jener zehn Menschen verewigt, die – stellvertretend für alle Märtyrer des 20. Jahrhunderts – über dem Westtor der Westminster Abbey in London prangen. „Mich kann man töten, aber nicht die Stimme der Gerechtigkeit.“ Dieser Satz Romeros kann als Bilanz seines Lebens gelten.

  • Aktuelle Neuerscheinungen zur Heiligsprechung Romeros

  • Buch: „Gedenkt der Heiligsprechung von Oscar Romero durch die Armen dieser Erde“
  • Hörbuch:  Oscar Romero – „Aber es gibt eine Stimme, die Stärke ist und Atem …“
  • > mehr Informationen

Papst Paul VI.: Zögerlicher Reformer, nicht nur Pillen-Papst

Papst Paul VI. (1897-1978) gilt als Vollender des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) und als Papst des Umbruchs. Sein großes Verdienst ist es, dass er das Konzil nach dem Tod seines Vorgängers Johannes XXIII. fortgeführt und abgeschlossen hat. Die von ihm 1968 veröffentlichte Enzyklika „Humanae Vitae“ stellt hingegen eines der umstrittensten päpstlichen Schreiben der neueren Kirchengeschichte dar. Andererseits bleibt anzuerkennen, dass er das System der grenzenlosen Profitmaximierung kompromisslos brandmarkte und die lateinamerikanische Option für die Armen aus tiefer Überzeugung würdigte.

Trotz seiner Heiligsprechung darf jedoch eine kritische Auseinandersetzung mit „Humanae Vitae“ nicht vermieden werden. Auch fünfzig Jahre nach dem äußerst umstrittenen Verbot jeder künstlichen Empfängnisverhütung hält es die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche für dringend notwendig, diese Enzyklika einer grundlegenden Kritik zu unterziehen. Zudem sind Selig- und Heiligsprechungen von Päpsten grundsätzlich zu hinterfragen, da sie den Absolutheitsanspruch des Papsttums unnötig unterstreichen, was gerade in der heutigen Zeit (Stichwort: „Klerikalismus“) ein fragwürdiges Signal setzt.

Das Wirken von Papst Paul VI. nach außen verdient noch heute allen Respekt:

Er legte die Tiara, ein Symbol päpstlicher Machtansprüche, endgültig ab. Seine wichtige Sozialenzyklika „Populorum Progressio“ („Über den Fortschritt der Völker“, 1967) für eine ganzheitliche Entwicklung zum Frieden war bahnbrechend und weitblickend. Sie wies zum ersten Mal auf den Nord-Süd-Konflikt hin sowie auf die weltweite Verflechtung der Wirtschaft und den Stellenwert der Bildung. Zu Zeiten des Vietnamkrieges führte er den Weltfriedenstag ein.
Als erster Papst stattete er der UNO einen Besuch ab und hielt dort eine beeindruckende Rede zum Weltfrieden („Nie wieder Krieg!“, 1965). Er machte Auslandsreisen zum unverzichtbaren Teil seiner Tätigkeit. Durch seine Begegnungen mit dem Patriarchen von Konstantinopel (1964/65) und durch seinen Besuch in Genf (1967) hat er der Ökumene wichtige Impulse gegeben. Ihm verdankt die Kirche eine konsequente Liturgiereform (mit Einführung der Muttersprache), die sich bis heute bewährt hat.

Doch hat sein Wirken nach innen der katholischen Kirche schwere Hypotheken auferlegt:
Schon beim Konzil hat er die Einflussnahme reaktionärer Kräfte nicht verhindert, sondern gestärkt. Genauso wie die von ihm eingeleitete Kurienreform blieb die Kirchenrechtsreform auf halbem Wege stecken, weil er es nicht wagte, sich von den traditionellen Zwängen des Systems zu lösen. Dadurch legte er die Grundlagen für die wachsenden innerkirchlichen Polarisierungen, die bis heute nicht überwunden sind.
Marksteine für seine ängstliche Haltung sind: Die Enzyklika zum Pflichtzölibat (1967); sein bis heute umstrittenes Credo (1968), das er ohne jede Rückfrage bei Episkopat oder Kirchenvolk zum „Credo des Gottesvolkes“ erklärte; das zutiefst unökumenische Mischehendekret (1970); schließlich die Enzyklika „Humanae Vitae“ (1968). Mit ihr haben Papsttum und kirchliche Sexuallehre für viele bis heute ihre Glaubwürdigkeit verloren. Wie bald nach der Veröffentlichung der Enzyklika bekannt wurde, kam das ausgesprochene Verbot jeder künstlichen Empfängnisverhütung gegen das klare Mehrheitsvotum des ursprünglichen Beratergremiums zustande. Maßgeblich beeinflusst hatte dieses Verbot der damalige Krakauer Erzbischof Kardinal Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II.

Alle diese Dokumente zeigen: Papst Paul VI. nahm weder die Stimme des Gottesvolkes noch die Sachkunde einer unabhängiger Theologie und Humanwissenschaften noch die Stimme des Weltepiskopats wirklich ernst. Vielmehr fürchtete er sich im Sinne einer ungeschichtlichen und unbiblischen Theologie davor, die Fehlentwicklungen der Lehre vergangener Epochen, insbesondere der Unfehlbarkeitstheorie von 1870, anzutasten.

Mit Approbation durch Paul VI. wurde im Herbst 1976 die Erklärung der Glaubenskongregation „Inter Insignores“ zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt veröffentlicht. Mit dieser Erklärung setzte sich die Glaubenskongregation über das Votum der Bibelkommission hinweg, die kein Verbot der Frauenordination aus den Heiligen Schriften herauslesen konnte. „Inter Insignores“ war die Grundlage für „Ordinatio Sacerdotalis“ (1994) und ist mit verantwortlich für die Missachtung von Frauen in der Kirche und die Abwendung vieler Frauen von der verfassten Kirche.

Die von Paul VI. 1965 eingeführte Bischofssynode hat unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nicht die Bedeutung als kraftvolles Beratungsorgan erlangen können, die das Konzil für notwendig erachtete. Es muss sich jetzt noch zeigen, ob es der Bischofssynode mit den von Papst Franziskus eingeführten neuen Regelungen gelingt, den Stimmen der Weltkirche und der Kirchenbasis deutlich mehr Gewicht zu verleihen.

 

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Zuletzt geändert am 14­.10.2018