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05.05.2010 ­- 23:10
5.5.2010 - Süddeutsche Zeitung

Vereint im Glauben

Wie das Ehepaar Liselotte und Hans-Jochen Vogel seit vielen Jahren eine ökumenische Ehe führt

Von Monika Maier-Albang

Er kann sich noch gut an seine katholische Religionslehrerin erinnern. In Göttingen ging Hans-Jochen Vogel in die Volksschule, und eines Tages erklärte Frau Wagner den Kindern sehr anschaulich, für wen die Hölle bestimmt ist. Die Heiligen, so viel sei sicher, kämen in den Himmel. Die Sünder indes hätten bis zum letzten Atemzug die Chance zu bereuen. Folglich könnten selbst sie zu den Glücklichen gehören, die gerettet werden. Nur bei einem stehe definitiv fest, dass er schon jetzt in der tiefsten Hölle schmore, hatte die Lehrerin gesagt: „Der Martin Luther!“

„Dabei war sie nicht fanatisch“, sagt Hans-Jochen Vogel. Seine Kindheitserinnerung ist für ihn ein Beleg dafür, dass die Welt sich bewegt. Selbst die katholische. Dass Luther heute nicht mehr verteufelt werde, dass der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche 1999 eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet hätten, nennt Vogel „ein ermutigendes Zeichen“. „Und all das hat Platz in einem Leben“, sagt er. In seinem.

84 Jahre ist der frühere Münchner Oberbürgermeister und ehemalige Bundesvorsitzende der SPD im Februar geworden. Seine Ehefrau Liselotte ist ein Jahr jünger – und Protestantin. 1972 haben sie geheiratet, beide in zweiter Ehe. Das macht das Leben nicht einfacher, wenn man, wie Hans-Jochen Vogel, in der katholischen Kirche verwurzelt ist und einem deren Grundsätze nicht egal sind. Noch immer wird in seiner Kirche darum gestritten, ob Menschen, die nach einer Scheidung wieder heiraten, „hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren“, wie es der Codex Iuris Canonici, das katholische Rechtsbuch, formuliert, und ihnen deshalb der Empfang der Kommunion verwehrt werden soll. Wobei es zugleich heißt, dass sich die Priester diesen armen Seelen in „liebender Fürsorge“ zuwenden sollen.

Liselotte Vogel ging in München auf eine sogenannte „Simultanschule“, die katholische wie auch evangelische Kinder besuchten. Gleich behandelt wurden sie allerdings nicht. „Zum Religionsunterricht mussten immer wir das Klassenzimmer verlassen“, erinnert sich Liselotte Vogel. So war man geoutet als Minderheit. „Aber als Minderheit fühlten wir uns als Protestanten in Bayern ja ohnehin.“ Ihre Familie war da wesentlich fortschrittlicher. Schon ihre protestantische Großmutter hatte, wie später die Mutter, einen katholischen Mann geheiratet. „Die Konfessionszugehörigkeit spielte bei uns daheim nie eine Rolle“, sagt Liselotte Vogel. Hans-Jochen Vogels Mutter wiederum war katholisch und der Vater evangelisch. „Mischehe“ nannte man damals einen solchen Bund. Ein Unwort, bei dem Hans-Jochen Vogel sofort an die Nürnberger Rassegesetze denken muss. Und auch mit dem zwar wohlmeinenden, aber holprigen Kunstbegriff „konfessionsverbindende Ehe“ kann das Ehepaar nichts anfangen. „Zu behördensprachlich“, sagt Hans-Jochen Vogel. Sie sprechen lieber von einer „ökumenischen Ehe“.

Ministrant war er, im Kirchenvorstand sie. So tief sind beide verwurzelt in ihrer Kirche, dass es keinem je in den Sinn gekommen wäre, dem anderen zuliebe zu konvertieren. Also haben sie einen ökumenischen modus vivendi gefunden. An den Sonntagen gehen sie gemeinsam mal in die katholische Messe nach St. Ignatius im Stadtteil Kleinhadern, mal in den evangelischen Gottesdienst in die Simeonskirche. Sie mag zwar den Weihrauch nicht besonders, kann sich aber an Marienliedern erfreuen. Er schätzt die „Ansprache des Verstandes “ und die „nüchterne Atmosphäre“ im evangelischen Gottesdienst. An Weihnachten kombinieren sie beides: Vesper evangelisch, Christmette katholisch. Nur wie er es mit der Kommunion hält, dazu will Hans-Jochen Vogel nichts sagen. „Gewissensentscheidung“, Privatsache also. Und seine Frau sagt, sie würde in einem katholischen Gottesdienst schon allein deshalb nicht zur Eucharistie gehen, um den Pfarrer „nicht in Verlegenheit zu bringen“. Allerdings fühle sie sich von der katholischen Kirche auch nicht ausgeladen. „Es ist doch Christus, der einlädt, nicht der Pfarrer.“

Vom Kirchentag erhoffen sich beide, dass der Umgang der Christen miteinander zwangloser wird – und vertrauter. Als das Ehepaar Mitte der achtziger Jahre in Bonn lebte, leitete Liselotte Vogel einen ökumenischen Gesprächskreis. Erstaunt sei sie damals schon gewesen, dass selbst engagierte Christen doch wenig über die anderen wissen – etwa wie der Gottesdienst konkret abläuft. Dabei sei es doch so wichtig, mit einer Stimme zu sprechen, sagt er. „Als ob wir es uns heute noch leisten könnten, getrennt zu sein“, sagt sie. Im Kirchenvorstand hatte Liselotte Vogel es übernommen, den Ausgetretenen hinterherzutelefonieren. Die Reaktionen, erzählt sie, seien meist „freundlich gleichgültig“ gewesen.

Natürlich sieht Hans-Jochen Vogel Reformbedarf für seine Kirche: etwa was den Zölibat anbelangt. Doch zuweilen mangle es beiden Seiten an Feingefühl. Wenn etwa der Papst die evangelische Kirche nicht als Kirche im eigentlichen Sinn betrachtet. Oder wenn ein internes Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland durchsickert, in dem ein Mitarbeiter über den Papst und die deutsche Bischofskonferenz lästert. An der Basis sei man da längst weiter, so empfindet es das Ehepaar Vogel. Als Anfang Februar der neue Pfarrer der Simeonskirche in sein Amt eingeführt wurde, stand zum Segensspruch ein katholischer Kollege mit am Altar. „In vollem Ornat“, erinnert sich Hans-Jochen Vogel. „Zu meiner Jugendzeit wäre so etwas nicht möglich gewesen.“

Vogel besuchte in Göttingen eine katholische Konfessionsschule. Auf dem Heimweg musste er täglich die evangelische Konfessionsschule passieren, wo sich die Schüler über die „katholischen Unterröcke“ lustig machten. Was er entgegnete? Daran kann er sich nicht mehr erinnern. „Pfeffersäcke?“ Egal, diese Zeiten sind ja Gott sei Dank vorbei.

Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München wird das Ehepaar Vogel zweimal gemeinsam auftreten: am Freitag, 14. Mai, zum Thema christliche Spiritualität im Alter (16-17.30 Uhr Messegelände) und am Samstag, 15. Mai, bei einem Gespräch zu „Wider die Resignation in der Ökumene“ (St. Markus, Gabelsbergerstr. 6, 11-12.30 Uhr).

Zuletzt geändert am 05.05.2010 ­- 23:11